Anthropologische Grundlagen

Anthropologie

 Ist die Wissenschaft vom Menschen und seiner Entstehung.

Untersucht das „Wesen“ Mensch in seiner Eigenart und seiner besonderen Stellung in der Natur und in der Geschichte.

Pädagogische Anthropologie

befasst sich mit der Erziehbarkeit (Erziehungsfähigkeit) und Lernfähigkeit des Menschen.

  • Erkenntnisse aus Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaft begründen Notwendigkeit von Erziehung und Lernen
  • Erziehungsbedürftigkeit, Erziehungsbereitschaft und die Erziehungsfähigkeit eines Menschen lässt sich als Voraussetzung für eine humane Entwicklung begründen

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse

Unterschiede zwischen Mensch und Tier:

MenschTier
hat keine festgelegte Beziehung zu seiner Umwelt (kann sich seiner natürlichen Umwelt anpassen, sie verändern, kultivieren)

ist an seine Umwelt angepasst (Anpassungsfähigkeit ist begrenzt)

 

hat eine differenzierte Sprachehat keine Sprache mit Darstellungsfunktion
besitzt die Fähigkeit zum Denken und Lernen durch Einsichtist überwiegend instinktgeleitet
ist extrem lernfähigist begrenzt lernfähig
ist sich selbst bewusst und entwickelt einen Zeitbegriffbesitzt kaum Bewusstsein seiner selbst und lebt gegenwärtig

Aus biologischer Sicht zählt der Mensch zu den höheren Säugetieren.

Säugetiere lassen sich in 2 Gruppen unterscheiden:

  1. Nesthocker: niedere Säugetiere, sie kommen mit noch „verschlossenen“ Sinnesorganen, fast bewegungsunfähig und mit relativ geringer Hirnentwicklung zur Welt, entwickeln sich erst durch Brutpflege (z. B. Vögel, Mäuse)
  2. Nestflüchter: höhere Säugetiere, sie kommen nach langer Tragezeit mit funktionstüchtigen Sinnesorganen zur Welt, sind Eltern äußerlich recht ähnlich und können sich artspezifisch fortbewegen (z. B. Affen, Huftiere)

Nach A. Portmann: Mensch = physiologische Frühgeburt

  • Sinnesorgane funktionieren bereits früh, spezifischen menschlichen Verhaltensweisen (aufrechte Körperhaltung, Sprache) müssen noch gelernt werden
  • erreicht erst am Ende des 1. LJ den Entwicklungsstand, den er im Vergleich zu einem „echten Säugetier“ bei seiner Geburt hat

Folgerungen:

  • in der Eigentümlichkeit des menschlichen Geburtszustandes liegt seine enorme Lernfähigkeit und Erziehbarkeit begründet
  • das, was Natur unzureichend hervorgebracht hat, nämlich die menschliche Lebensweise, muss der Mensch im „sozialen Mutterschoß“ erlernen
  • dem 1. LJ wird in der Erziehung eine Schlüsselrolle zugewiesen (Grundlage ist dabei das Herstellen einer Bindung)

Nach N. Tinbergen: Mensch = instinktreduziertes Wesen, weil seine Verhaltensmöglichkeiten nicht an Instinkte gebunden sind. Verfügt nur über Instinktreste.

  • Voraussetzung für die Befreiung des Menschen vom Zwang der Natur
  • gibt ihm die Freiheit, zwischen Verhaltensweisen zu wählen, überlegte Entscheidungen zu treffen, produktive Lösungen zu finden

Folgerungen:

  • Instinktarmut ermöglicht Lernfähigkeit + Erziehbarkeit
  • Weil die menschliche Lebensweise instinktiv nicht ausreichend geregelt wird, ist der Mensch auf Lernen & Erziehung angewiesen > muss zum Leben/Überleben wichtige Verhaltensweisen erst erlernen

Nach A. Gehlen: Mensch = biologisches Mängelwesen. Er ist organisch unspezialisiert + unfertig + instinktreduziert, besitzt keine Waffen, Angriffs-, Schutz- und/oder Fluchtorgane. Tiere können aufgrund ihrer Spezialisierung oft erstaunliche Leistung vollbringen, sind jedoch einseitig festgelegt.

Bau der menschl. Hand eignet sich nicht für spezielle Aufgaben. Ein Mensch kann gerade deshalb lernen, diese vielseitig zu gebrauchen.

Der Prozess in dem Lernen geschieht ist die Erziehung! Unser Gehirn ist für das Lernen optimiert.

 

Folgerungen:

  • Organische Unspezialisiertheit + Unfertigkeit sowie Instiktreduktion + spezielle Struktur des Großhirns ermöglichen enorme Lernfähigkeit und Erziehbarkeit
  • Fähigkeit zur vielseitigen Verwendung der Organe muss durch Lernen und Erziehung erst entwickelt werden
  • Intellektuelle Fähigkeiten benötigen Anregung und Lernhilfe

Geistes- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse

Der Mensch ist ein geistiges Wesen, das mit Bewusstsein, Verstand, Erinnerungsvermögen, Begriffssprache, Urteils- und Reflexionsvermögen ausgestattet ist.

Wesen des Menschen ist durch Vergleich von Mensch und Tier nicht vollständig erklärt.

Ergänzen naturwissenschaftliche Sichtweise:

  • Mensch kann abstrakt denken und seine + fremde Gedanken in Sprache fassen sowie ihre Bedeutung erfassen und mitteilen
  • Er kann eigene Gedanken formulieren, Gegenstände benennen sowie Sachverhalte darstellen
  • Er kann Objekten einen Sinn verleihen, Werte und Ziele setzen sowie zweckbewusst geplant handeln
  • Er kann Welt gestalten + umgestalten sowie Gegebenes in Frage stellen und ändern
  • Er kann sich seine Zeit einteilen, über sie verfügen und die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft vorstellen
  • Er kann die Zukunft gedanklich vorwegnehmen und sie durch sein geplantes Handeln beeinflussen
  • Er kann sich von sich selbst distanzieren und sich selbst zum Objekt der Betrachtung machen, sich reflektieren

Folgerungen:

  • die Ausstattung des Menschen mit Geist und Vernunft befreit vom Zwang der Natur und ermöglicht enorme Lern- und Erziehungsfähigkeit
  • Geistigkeit des Menschen entfaltet sich nicht von selbst, sondern muss durch Lernprozesse und Erziehung hervorgebracht werden

Mensch = Gehirnwesen

Mensch = Sonderstellung innerhalb der Natur

zeigt sich an folgenden Merkmalen:

  • Aufrechte Körperhaltung
  • Wortsprache
  • Denkvermögen
  • Fähigkeit, geplant zu handeln
  • Umweltbeherrschung
  • Extreme Lernfähigkeit

Der Schlüssel zu allem ist das menschliche Gehirn!

Menschen sind dank ihres Gehirns unglaublich flexibel. Dank seines leistungsfähigen Gehirns ist er im Gegensatz zu Tieren nicht besonders spezialisiert, sondern kann sich auf verschiedenste Umgebungen, Aufgaben & Probleme einstellen.

Anordnung und Gestaltung von Schädel, Kehlkopf, Wirbelsäule, Hand und Fuß ermöglichen eine vielseitige Raumorientierung und mannigfaltige Verwendung seiner Körperteile.

„Unterentwicklung“ der Sinne wird durch Überlegenheit seiner internen Informationsverarbeitung (Gehirnkapazität) ausgeglichen.

Folgerungen:

  • spezielle Hirnstruktur macht den Menschen extrem lernfähig und erziehbar
  • Funktionen des Gehirns sind in ihrer Entfaltung auf Anregung und Lernhilfe seitens der Umwelt angewiesen, was den Menschen im hohem Maße lern- und erziehungsbedürftig macht
  • Verhaltensweisen wie aufrechter Gang, Denkvermögen usw. vermag der Mensch nicht „von Natur aus“, sondern er muss sie durch Erziehung erlernen

Folgen fehlender und unzulänglicher Erziehung

Der Erziehungswissenschaftler W. Loch bezeichnet den Menschen als „Homo educandus“, weil er zur sinnvollen Entwicklung seiner Anlagen auf Erziehung angewiesen ist, wenn er

  • im Säuglingsalter nicht sterben,
  • im Kindesalter nicht verwildern,
  • im Jugendalter nicht verwahrlosen,
  • im Erwachsenenalter nicht verkümmern … soll.

Für die optimale Entwicklung braucht ein Mensch: Liebe Geborgenheit, Schutz, Kommunikation, Nahrung, Zuwendung, Bildung

Fehlende oder unzulängliche Erziehung führt zur Gefährdung bzw. Verhinderung der Menschwerdung

Verwilderung

Menschwerden verhindert: keine Sprache, Denken, Aufrechter Gang

Bsp.: Kaspar Hauser, der „Wolfsjunge“, das Wolfsmädchen „Kamala“

Psychischer Hospitalismus

(auch Deprivationssyndrom genannt)

leibseelische Störungs- und Verkümmerungserscheinung im Säuglings- und Kleinkindalter (0-3 Jahre) (Bsp.: Kind das vorher mal aufs Töpfchen ging, geht jetzt vielleicht nicht mehr)

Ursachen:      – mangelnde emotionale Zuwendung

mangelnde Vermittlung von Reizen ? Gehirn kann nicht richtig ausgebildet werden

Merkmale:

  • Störung des Appetits (vermindert oder gesteigert)
  • Gewichtsabnahme, geringes Gewichtswachstum
  • erhöhte Anfälligkeit für Infektionskrankheiten
  • bei Säuglingen: erhöhte Sterblichkeitsrate
  • apathisches Verhalten + Desinteresse an Umwelt und Mitmenschen
  • Verzögerung der körperlichen, motorischen, sprachlichen Entwicklung + geistliche Störung
  • Beeinträchtigung des Gefühlslebens und des sozialen Verhaltens
  • Jaktation (krankhafte Unruhe) bis zur Selbstverletzung (monotones Kopfwackeln bis Schlagen an die Wand, Haare rausreißen, Kratzen bis es blutet)

Entwicklungsstörungen

  • Unsichere Bindung des Säuglings/Kleinkindes aufgrund fehlender positiver Erfahrungen und dem Gefühl, im Stick gelassen zu werden
  • Mangelnde Selbstsicherheit, eingeschränkte Exploration sowie Entwicklungsstörung vor allem im emotionalen & sozialen Bereich aufgrund fehlender stabiler Bindung in frühester Kindheit
  • Gewinnung neuer Erfahrungen wird behindert/verhindert

Sozial abweichendes Verhalten

  • übertriebene Ängstlichkeit
  • Aggressionen
  • soziale Auffälligkeiten (Schulschwänzen, Diebstahl…)
  • kriminelle Handlungen
  • Drogen- und Alkoholmissbrauch
  • Leistungsprobleme u. -verweigerung

Liegt vor, wenn:

Das Individuum wird den Anforderungen des geregelten Zusammenlebens nicht (mehr) gerecht – es kommt dadurch immer wieder zu erheblichen und relativ dauerhaften Schwierigkeiten für das Individuum und/oder seine Umwelt.

Folgen von Entbehrung der Bezugspersonen:

fehlendes Urvertrauen > Angst + Misstrauen führen zu:

gesteigertem aggressiven Verhalten, geringe soziale Anerkennung, unterentwickeltes Lernverhalten, wenig Spiel- & Nachahmungsverhalten, geringe soziale Kontaktfreude, wenig Freunde (beeinflussen sich gegenseitig)

Schlussfolgerung

Der Mensch ist angewiesen auf Lernen und Erziehung!

  • Mensch wird nicht als Mensch im humanen Sinne geboren, er wird erst dazu geformt
  • von Natur aus noch nicht auf eine bestimmte Lebensform festgelegt
  • von Anfang an auf eine stabile, dauerhafte + nicht abreißende emotionale Zuwendung + ausreichende Vermittlung von Reizen angewiesen
  • Ausprägung der menschlichen Lebensweise benötigt langjährige Anregung + Lernhilfe ? Versäumnisse sind später kaum noch ausgleichbar
  • Lebensform stabilisiert sich in früher Kindheit, später nur noch schwer zu verändern
  • in den ersten Lebensjahren wird über das Ausmaß seiner späteren Lernfähigkeit + Erziehbarkeit weitgehend vorentschieden

Quellen:

  • Sozialpädagogische Lernfelder für Erzieher“, Holland+Josenhans Verlag, Jaszus
  • „Pädagogik“, Bildungsverlag EINS, Hobmair


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